Erst
mal ein «Haftkrankenhaus» ...
Das Hafenkrankenhaus wurde im
Jahre 1900 zunächst als Polizeikrankenhaus gegründet, wo «in Gewahrsam
genommene Männer» medizinisch versorgt wurden.
Es
gab eine Abteilung für die zwangsweise Behandlung von
Geschlechtskrankheiten, Reinigungs- und Desinfektionsabteilungen, ein «gesichertes
Unruhigenhaus zur Verwahrung von Tobsüchtigen und Deliranten» ein
Leichenschauhaus und zwanzig Frauenbetten mit einer Einrichtung für
Notgeburten. Von Beginn an war dem Krankenhaus «eine Verbands- und
Aufnahmestation angegliedert, und es werden auf der Straße oder an öffentlichen
Plätzen erkrankte, verletzte oder bewusstlose Personen aufgenommen.
Hierzu gehören namentlich die auf Schiffen, im Hafen oder auf Werften
verunglückten Personen.»
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Entsprechend den Anforderungen des Hafen- und Freihafenbetriebes und
der zunehmenden Gäste- und Besucherzahlen auf St. Pauli entwickelte
sich das Hafenkrankenhaus in der Folgezeit zu einer Fachklinik für
Unfallchirurgie und Notfallversorgung. Namen bekannter Ärzte, wie
Prof. Dr. Gerhard Küntscher (1900-1972) und Dr. Hartmut Seidel
(*1939), beide ärztliche Direktoren des Krankenhauses, sind mit dem
Hafenkrankenhaus fest verbunden. Prof. Küntscher fixierte 1939 zum
ersten Mal an der Uniklinik in Kiel einen Knochenbruch, mittels einer
Marknagelung. Ab 1957 wirkte er im Hafenkrankenhaus und entwickelte
hier wichtige |
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chirurgische Geräte wie den flexiblen
Markraumbohrer und die Innensäge. Der sog. Küntscher
Nagel machte die deutsche Unfallchirurgie weltweit bekannt. Dr. Seidel
verbesserte diese Technik in seiner Zeit im Hafenkrankenhaus
(1989-1997) durch die (Weiter-)Entwicklung
der Verriegelungsnagelung, der
zementlosen Hüftgelenksprothesen, sowie dem Oberarm-Seidel-Nagel
und die Seidel-Lasche zur Versorgung von
Schenkelhalsbrüchen. |
Eine
lange Geschichte der
Schließung:
1974 drohte dem Hafenkrankenhaus seine erste Schließung, aber eine
schwere Explosion auf der Werft Blohm & Voss (1975) zeigte
schlagartig, dass eine hafennahe Versorgungseinrichtung unverzichtbar war.
Aber die Diskussion war damit nicht vom Tisch, 1978 gibt es erneut
Umstrukturierungs- und Schließungsdiskussionen und 1982 wird ein Erhalt
und Ausbau des Hafenkrankenhauses genehmigt. Es folgen 10 relativ sichere
Jahre. 1994 kündigte sich dann die endgültige Schließung des
Hafenkrankenhauses an. Der «Krankenhausplan 2000» der Behörde für
Gesundheit und Soziales sah den Abbau von 913 Betten in Hamburg vor. Als
kleinstes Hamburger Krankenhaus in einem Stadtteil mit jeher schwacher
Sozialstruktur und daher wenig politischer Lobby wurde das
Hafenkrankenhaus als entbehrlich angesehen. Im Dezember 1996 kommt der
offizielle Senats-Beschluss zur Schließung. Das Hafenkrankenhaus war
nicht mehr profitabel, weil es zwar solide wohnortnahe Grundversorgung,
aber keine Hochleistungsmedizin bieten konnte.
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Proteste und
Widerstand: Offenbar erwartete man hier den
geringsten Widerstand gegen die geplante Einsparungen. Aber das
Hafenkrankenhaus gehörte zu St. Pauli, es war ein Stück Kiezkultur.
Ungeachtet seiner sozialen Situation stand hier der Mensch im Mittelpunkt
der Versorgung. Es war diese besondere Atmosphäre die von Anwohnern und
Prominenten gleichermaßen geschätzt wurde. Es kam zu starken
Protesten, Demonstrationen, Solidaritätskundgebungen &
Unterschriftenaktionen.
Die Bürgerinitiative Ein Stadtteil steht auf wurde gegründet. Sie
besetzte Anfang 1997 unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit die «Station
D». 87% der Hamburger Bevölkerung waren gegen die Schließung. Eine
Dokumentation
der Ereignisse im Frühjahr 1997 stellte der damalige Medizinstudent
Christoph Berndt
im Internet zur Verfügung. |
Auf
dem Weg zum Gesundheitszentrum:
Die Protestaktionen konnten die endgültige Schließung nicht verhindern,
aber es wird die Idee ein Sozial u. Gesundheitszentrums am Standort des
Hafenkrankenhauses zu gründen, geboren. Es soll die weitere medizinische
Grundversorgung St. Paulis gewährleisten. Um die Idee zu konkretisieren,
wird ein Runder Tisch mit Stadtentwicklungsbehörde (STEB),
Stadtentwicklungsgesellschaft STEG, Bürgerinitiative und Anwohnern gegründet.
Eine Befragung der BewohnerInnen der umliegenden Stadtteile macht
deutlich, dass ein Zentrum, das Schulmedizin mit Alternativmedizin und
sozialen Einrichtungen verbindet, dringend gebraucht wird. Ende 1997 wird Hildebrandt
GesundheitsConsult, Hamburg beauftragt, ein Konzept für ein
integriertes Sozial- u. Gesundheitszentrum auszuarbeiten. Dieses Konzept
bildete die Grundlage für den Beschluss des Hamburger Senates, das
heutige Gesundheitszentrum einzurichten. Das Gelände wird geteilt. Der
nördliche Teil wird 1999 an die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG
zur Errichtung von 200 betreuten Seniorenwohnungen veräußert. Der südliche
Teil wird der Stadtentwicklungsgesellschaft
STEG ins Treuhandvermögen übertragen
zur Entwicklung und Bewirtschaftung eines Gesundheitszentrums mit einer
modellhaften Nutzungsmischung von medizinischen, sozialpräventiven und
sozialen Projekten.
Seitdem haben sich rund 40 medizinische Praxen und soziale Einrichtungen auf dem
Gelände eingerichtet. Die alten Gebäude konnten zum größten Teil
erhalten und behutsam für die neuen Nutzungen umgebaut werden. Eine neue
zentrale Eingangs- und Veranstaltungshalle wurde im Oktober 2002
eingeweiht. Anfang 2003 gründeten 15 Ärzte einen Verein zur
Wiedereinrichtung der Hafenambulanz. (Die Vorgängerin hatte nach einem Jahr den
Betrieb wegen fehlender Finanzierung einstellen müssen). Jetzt ist die
Ambulanz Hafen Hamburg wieder präsent!
Inzwischen liegt der Schwerpunkt in der gesundheitlichen Versorgung im
Zentrum bei psychosozialen Angeboten:
Psychotherapie (verschiedene Verfahren für Kinder, Jugendliche und
Erwachsene), Coaching, Kommunikationstraining und soziale Beratung. Neben
den Therapieangeboten wird auch Ausbildung in diesen Bereichen angeboten.
Die Tradition des Hafenkrankenhauses konnte in die ganzheitliche
Konzeption des Gesundheitszentrums überführen werden. Die heutigen
Mitglieder wollen eine zukunftsweisende Gesundheitsversorgung
verwirklichen - für den Stadtteil St Pauli und alle anderen
Interessenten.